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Datum

Quelle

St. Galler Tagblatt

Autor

Simon Roth

Thema

Folsäure allgemein

Skistar Im Interview: Maria Walliser: «Das Toggenburg sollte zusammenstehen»

Einschneidende Erlebnisse prägten Maria Wallisers Leben. Den Optimismus hat sie aber nie verloren. Im Interview erzählt sie von ihrem Leben nach dem Skisport, ihrer Haltung im Toggenburger Bergbahnenstreit und was ihr die Arbeit im Rebberg bedeutet.

Das strahlende Lächeln ist ihr Markenzeichen. Ob im Thurgau am nationalen Wandertag der «Schweizer Familie» auf dem Stand-Up-Paddel bei leichtem Septemberregen oder an Charity-Veranstaltungen: Maria Walliser strahlt stets eine tiefe Gelassenheit aus. Während zehn Jahren war die heute 54-jährige Skirennfahrerin mit diesem Charme und ihrem rassigen Fahrstil eines der Aushängeschilder des Schweizer Weltcupteams. Mit 25 Rennsiegen, drei WM-Goldmedaillen und zweifacher Auszeichnung zur Schweizer Sportlerin des Jahres hat die Mosligerin in den 80er-Jahren Sportgeschichte geschrieben.

Für viele kam ihr Rücktritt 1990 deshalb plötzlich. Im Jahr darauf erschien Maria Walliser erneut in den Schlagzeilen. Diesmal wegen der Geburt ihrer Tochter. Siri kam aufgrund einer Fehlbildung im Rückenmark mit Spina bifida zur Welt. So begann für Maria Walliser und ihren Mann Guido Anesini ein neuer Lebensabschnitt.
 
Maria Walliser, die Ski-Weltcup-Saison hat begonnen. Wünschten Sie sich manchmal die alten Zeiten zurück?
Maria Walliser:
 Nein, diese Ära ist längst vorbei. Das Kribbeln von damals fehlt. Trotzdem bin ich noch in Kontakt mit Bekanntschaften aus dem Skisport wie etwa den Mamas von Lara Gut oder Tina Weirather. Vor einem Rennen melde ich mich mit einer SMS bei ihnen und wünsche viel Glück.

Sie stehen aber immer noch gerne auf den Skiern?
Absolut. So oft ich kann, bin ich mit Freunden und Familie in Davos oder treffe mich mit einer Kollegin im Toggenburg. Mit ihr bin ich schon als Zehnjährige die Piste hinuntergefahren. Der Schnee ist mir zum Glück nie verleidet. Ich hatte niemals das Gefühl, genug vom Schneesport zu haben, oder nicht mehr auf den Skiern stehen zu wollen. Ich liebe den Schnee, die Berge und den Sonnenschein nach wie vor. Dass ich dieses Virus noch immer in mir habe, schätze ich sehr.

Haben Sie die Berichte über den Bergbahnstreit im Toggenburg verfolgt?
Der Konkurrenzkampf zwischen den beiden Bergbahnen hat schon immer existiert. Als Toggenburger «Berggeiss», die die Region zwei Jahre lang als Botschafterin vertreten hat, finde ich es schade, wenn sich die Verantwortlichen nicht finden. Die Ausgangslage ist nicht gerade rosig: Die Region sollte deshalb zusammenstehen. Nur so kann sie gegen die Konkurrenz bestehen.

Wie sind Sie eigentlich mit dem Ski-Virus infiziert worden?
Als ich noch klein war, wurde ein Skilift gleich hinter meinem Elternhaus gebaut. Meine Eltern haben ihn betrieben. Deshalb war mein Leben sehr eng mit dieser Anlage verbunden. Als Dreijährige stand ich zum ersten Mal auf den Skiern. Und mit zehn Jahren hatte ich so richtig Gefallen daran gefunden. So sehr, dass ich zu meiner Mutter sagte, ich wolle einmal ein Weltcuprennen fahren.

Und dann wurden Sie Gesamtweltcupsiegerin.
Es war eine schöne Zeit. Doch alpines Skirennfahren ist und bleibt ein hartes Geschäft. Man muss auf sehr vieles verzichten, wenn man ganz vorne mitmischen will. Der Sport ist mit viel Aufwand verbunden. Auch die psychologischen Aspekte sind nicht zu unterschätzen, gerade wenn man im Juniorenalter ist.

Für viele kam Ihr Rücktritt im Jahr 1990 völlig überraschend. Zu Recht?
Für andere mag das überraschend gekommen sein, aber ich hatte mir zu diesem Zeitpunkt schon länger Gedanken über meinen Rücktritt gemacht. Ich wollte nicht nach einer schlechten Saison aufhören, bloss weil mir die Resultate nicht passten. Zu Beginn der Saison 1989/90 bin ich während der Amerika-Tour krank geworden und war anschliessend in der Schweiz deshalb in Behandlung. Über die Festtage habe ich gemerkt, dass es Zeit für etwas Neues ist. Sponsoren und Ausrüster versuchten, mich vom Entschluss abzubringen. Fast wäre ich bei den Überzeugungsversuchen schwach geworden. Doch mein Mann Guido und ich hatten einen Wunsch: eine Familie zu gründen.

Wie hat die Geburt Ihrer Tochter Siri Ihr Leben verändert?
Es war eine grosse Überraschung nach so langer Zeit im Profisport so schnell Mami zu werden. Nach dem ganzen Glitzer und Glamour lernte ich eine andere Seite des Lebens kennen. Die wunderschöne Aufgabe, für jemanden da zu sein, wartete auf mich. Siri kam mit offenem Rücken (Spina bifida) zur Welt. Über diese Fehlbildung war dazumal noch wenig bekannt.

Wie sind Sie mit dem Schicksal ihrer Tochter umgegangen?
Ich nenne es lieber Gegebenheit als Schicksal. Für mich war klar, dass ich jetzt zu hundert Prozent für Siri da sein muss. Nach dem Starrummel hat sie mir eine andere Seite des Lebens eröffnet. Sie hat uns gezeigt, dass im Leben nicht immer alles nach Plan verläuft.

Seit 17 Jahren klären sie über die Wichtigkeit des Lebensvitamins Folsäure auf, das Spina bifida verhindern kann. Was treibt sie an?
Als Botschafterin und Präsidentin der Stiftung Folsäure darf ich viele tolle Erfahrungen machen. Die Stiftung vergibt unter anderem Beiträge an Lager für Menschen mit Beeinträchtigung. Dort treiben sie Sport. Bewegung ist meiner Meinung nach sehr wichtig für die gesellschaftliche Integration. Mir ist es zudem ein grosses Anliegen, die Menschen über die Risiken von Folsäuremangel zu informieren. Das Lebensvitamin Folsäure steht für ein gesundes Baby und vitale Senioren.

Ihre jüngere Tochter Noemi war drauf und dran in Ihre Fussstapfen zu treten.
Mittlerweile hat sie die Sportkarriere an den Nagel gehängt. Sie hat sich im Maturajahr das Bein gebrochen. Der Unfall hat ihr gezeigt, wie wenige es an die Spitze schaffen. Die Leidenschaft für den Schnee und am Rennen fahren wird sie beibehalten. Über den Winter arbeitet sie als Skilehrerin. Sie bleibt dem Skisport also treu. Zusätzlich zu ihrem Studium in Medien und Kommunikation in Fribourg macht sie ein Sportstudium. Es freut mich, dass sie am Sport dranbleibt.

Wie eng ist Ihre Beziehung zu Siri heute noch?
Es hat eine natürliche Abnabelung stattgefunden, indem sie nicht mehr zu Hause wohnt. Ihr Jus-Studium in Luzern hat sie mittlerweile abgeschlossen und wohnt mit ihrem Partner in Malans. Dadurch sehen wir uns wieder öfter. Für uns ist es nur ein Katzensprung zu ihr. Für sie ist ein Besuch bei uns ein riesiger Aufwand.

Seit 1988 wohnen Sie in Malans. Wie gefällt es Ihnen dort?
Die Lage ist toll. Von hier aus gehe ich oft zu Berg. Heute hole ich die Dinge nach, auf die ich lange Zeit verzichten musste. Dazu gehören Kletter-, Berg- oder Skitouren. Seit die Kinder regelmässig in die Schule gehen habe ich zudem mit dem Weinbau begonnen. Im kleinen Weinberg kann ich mich in den Kreislauf der Natur zurückziehen. Diesen Frühling musste ich zwar fast weinen, weil so viele Reben verfroren sind. Kurze Zeit später sind dann doch wieder Triebe gesprossen. Ich staune immer wieder, wie stark diese Pflanze ist. Die Arbeit in der Natur erdet mich und gibt mir einen Kontrast zu den öffentlichen Auftritten und Einladungen mit Wohltätigkeitsgalas und Spendenanlässen.