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Datum

Quelle

Blog Stiftung Folsäure Schweiz

Autor

Luzia Popp

Thema

Folsäureanreicherung

Zwei Rappen für gesunde Babys

Gerade mal zwei Rappen würde es pro Kopf und Jahr Kosten, Mehl mit dem Vitamin Folsäure anzureichern. Erfahrungen anderer Länder zeigen: Diese Massnahme senkt die Anzahl Kinder, die mit einem offenen Rücken zur Welt kommen, um bis zu 50 Prozent.

In der fünften Schwangerschaftswoche ist das Embryo gross wie ein Sesamsamen, sein Herz schlägt zum ersten Mal. Auf der Rückseite des kleinen Körpers entwickelt sich bereits das zentrale Nervensystem: Die Neuralplatte formt sich zu einem Neuralrohr und schützt das empfindliche Körperteil, aus dem sich wenige Tage später Rückenmark und Gehirn bilden. Diese Tage sind entscheidend für eine gesunde Entwicklung des Babys.

In der Schweiz verschliesst sich bei knapp einem von 1 000 Babys das Neuralrohr nicht richtig, man spricht von einem Neuralrohrdefekt. Am häufigsten sind die Anenzephalie und die Spina bifida. Neugeborene mit Anenzephalie kommen mit einer offenen Schädeldecke zur Welt, ihre Lebenserwartung beträgt nur wenige Stunden. Bei der Spina bifida – offener Rücken genannt – liegt das Rückenmark ungeschützt frei. Weder Haut noch Knochen verschliessen sich an dieser Stelle. Die Überlebenschancen sind hoch, doch haben Kinder mit offenem Rücken in der Regel kein Gefühl in den Beinen. Sie sind gelähmt. In der Schweiz kommen jährlich rund 50 bis 60 Kinder mit Spina bifida zur Welt. Die Ursache dieser Neuralrohrdefekte ist erst teilweise geklärt. Folsäuremangel vor und während der Schwangerschaft, das ist bekannt, erhöht das Risiko erheblich.

Gesetzlich verordnete Prophylaxe
Die USA und Kanada sind zwei von 86 Ländern weltweit, die Getreideprodukte mit Folsäure anreichern, um Fehlbildungen vorzubeugen. Obwohl in Nordamerika Brot, Mehl und Teigwaren nur in geringen Mengen mit Folsäure angereichert sind, ist die Prophylaxe erfolgreich: In den USA ist die Zahl der Neugeborenen mit Spina bifida seit 1998 um 23% zurückgegangen, in Kanada um rund 50%. Die Statistiken zeigen: Durch den Zusatz von Folsäure in Grundnahrungsmitteln wird der Folsäuremangel mit vergleichsweise geringem Aufwand eingedämmt. Mehl ist ein Grundnahrungsmittel, das sich für die Anreicherung besonders eignet. Herr und Frau Schweizer essen davon täglich rund 140 Gramm: Pizza, Brot, Suppen, Gebäck und Kuchen. 

Zwei Rappen pro Jahr
In der Schweiz wird die Wahlfreiheit der Konsumenten höher gewichtet als die Bekämpfung des Folsäuremangels. Es ist zwar erlaubt, Lebensmittel mit Folsäure anzureichern, doch eine gesetzlich verordnete Anreicherung des Backmehls wurde bisher abgelehnt. Anders beim Speisesalz: Seit 1920 wird in der Schweiz dem Salz Jod zugesetzt. Früher stark verbreitete Mangelerkrankungen wie Kropf oder geistige Entwicklungsstörungen sind beinahe verschwunden. Die Anreicherung von Mehl mit Folsäure würde pro Kopf und Jahr zwei Rappen kosten – rund 170'000 Franken für aktuell 8,42 Millionen Schweizer. Der Vorteil gegenüber heute: Diese Massnahme würde auch diejenigen erreichen, die sich nicht besonders ausgewogen ernähren, ungeplant schwanger werden oder nicht genügend über die Folgen des Folsäuremangels aufgeklärt sind. 

Solange die Lebensmittelverordnung in der Schweiz die Anreicherung von Mehl nicht zulässt, setzt sich die Stiftung Folsäure Schweiz dafür ein, die Lücke in der Versorgung zu schliessen. Und dafür, dass Bäckereien, Detailhandel und Industrie viele Produkte mit einer Extraportion Folsäure anbieten. Ein gesunder Start ins Leben soll nicht durch einen Vitaminmangel gestört werden.